Rassismus ist kein alter Hut mit einer neuen Schleife

er ist Alltag für viele von uns, uns die wir Teil eines Wir sind!


[(c): Chichi aus Prinzip]

Am 05.09. sind auch wir in Kiel zum Aktionstag gegen Rassismus mit vielen Freund*innen auf die Straße gegangen. Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der es angesichts der aktuellen Entwicklungen nicht ausreichen darf, sich bei Veranstaltungen wie diesen gegen Rassismus und gegen rechts auszusprechen.
Das findet auch unsere Kollegin, Parinaz Mehranfar. Sie hat auf der Abschlusskundgebung eine tolle Rede gehalten, die es hier nochmal zum Nachlesen gibt:

Ich möchte mit einem Zitat beginnen:
„Niemand wird mit dem Hass auf andere Menschen wegen ihrer Hautfarbe, ethnischen Herkunft oder Religion geboren. Hass wird gelernt.“
Sie möchten gern wissen, wer das gesagt hat, das werde ich ihnen am Ende meines Beitrages sagen. Wenn sie das wissen möchten, müssen sie noch etwas bleiben.

Ich stelle mich ihnen kurz vor: Mein Name ist Parinaz Mehranfar und ich spreche im Namen der Bildungs- und Beratungsstelle ZBBS e.V., die seit 35 Jahren geflüchtete Menschen unterstützt und Ihnen zur Seite steht mit verschiedenen Beratungsangeboten, Projekten und Sprachkursen.
Im Sommer hatten wir unser 35 jähriges Jubiläum – das ist zum einen ein Grund zur Freude, weil viele Menschen in Beratungs- und Unterstützungsbedarf haben zu uns kommen können. Eine weit größere Freude wäre es, wenn es uns nicht bräuchte.

Wenn es ohne Bedeutung wäre, wo jemand geboren ist und wie oder warum er gekommen ist, dann würden die Menschen, die uns aufsuchen, uns gar nicht brauchen. Es wäre unerheblich, ob jemand – wie zum Beispiel ich – „deutsch“ ist, oder so genannte Migrant*in, und/oder Geflüchtete. Wenn Menschen, die vor etwas fliehen, sich nicht der Beurteilung aussetzen müssten, welche Qualität die Bedrohung hat vor der sie sich schützen mussten.

Ohne dieses Denken, gäbe es uns nicht. Und wir müssten heute möglicherweise auch nicht hier stehen und über Rassismus sprechen.

Ich könnte ihnen jetzt erzählen, wo ich geboren bin, wann und warum ich nach Deutschland gekommen bin…Mach ich aber nicht. Es ist nicht wichtig, da es doch nichts darüber aussagt wer ich bin. Trotzdem macht mich genau das angreifbar! Sie können davon ausgehen, dass ich zu dem Kreis zähle, der direkt betroffen ist von Rassismus. Ich gehöre zu denen, die gemeint sind, wenn Abgeordnete der AFD hetzen. Ich gehöre auch zu denen, die sich mit Nichtachtung im Supermarkt, unqualifizierte Kommentare bei Behördengängen oder ätzenden Kommentaren von Fremden im Alltag auseinander setzen müssen, die mich darauf reduzieren, welche Herkunft, Kultur oder Religion mir zugeschrieben wird.
Und das passiert in der Regel ohne, dass mein Gegenüber sich im Klaren ist, dass genau so Rassismus funktioniert.

Es gibt so viele Dimensionen und Ebenen auf denen Menschen, anders beurteilt oder behandelt werden. Sogar der Artikel im Grundgesetz, der uns vor Rassismus schützen soll enthält Rassismen in der Formulierung „Niemand darf wegen —- seiner Rasse—-benachteiligt werden.“ – eine Widersprüchlichkeit, die auch politisch diskutiert wird.

Heute stehen wir wieder zusammen im Zeichen des Kampfes gegen Rassismus, Hetze und rechte Gewalt, sowie für Solidarität mit den Opfern und Betroffenen. In Schleswig-Holstein gibt es positive Beispiele für gelungene Handlungen: Kiel ist zum „Sicherer Hafen“ erklärt worden. Es gibt Gremien und den Runden Tisch gegen Rassismus, der gemeinsam mit dem Flüchtlingsrat und Netzwerkpartner*innen agiert, die Arbeit von Migrant*innen Organisationen wie dem ZEIK werden unterstützt. Es gibt verschiedene Netzwerke in ländlichen Räumen, deren Akteur*innen dafür einstehen, gesellschaftliches Zusammenwachsen und Chancen im Bildungssystem und Arbeitsmarkt für Geflüchtete zu gewährleisten. Wir können etwas leisten!
Wir rücken damit erneut in den Fokus, dass wir demokratische Grundwerte hochhalten. Wir sind gegen Rassismus und Diskriminierung – das klingt nach Konsens!
Seit so vielen Jahren gibt es Veranstaltungen, wie diese – in Schleswig-Holstein, Hamburg, Berlin – in verschiedenen Bundesländern sprechen Akteure aus Landespolitik und verschiedener Verbänden über die Wurzel allen Übels — Rassismus.

Was hat sich verändert?
Die Veränderung wird getragen von Menschen, die heute in allen Bereichen Hetze und rechtspopulistische Parolen verbreiten und dabei absolute Handlungssicherheit gewonnen haben. Völkisch ist Kult – und die Diffamierung von Menschen aufgrund ihres Flucht- oder Migrationshintergrundes gehört zwar nicht zum „guten“ Ton – ist aber überall präsent: am Arbeitsplatz, beim Bäcker, in der Kneipe, auf der Straße und im Landtag, im Bundestag!
Genau das, geschieht. Menschenfeindlichkeit ist wählbar geworden und nutzbar gemacht! Rassismus ist kein alter Hut mit einer neuen Schleife – er ist Alltag für viele von uns, uns die wir Teil eines Wir sind!

Die wenigsten würden von sich behaupten: „Ich bin rassistisch und das vertrete ich mit Überzeugung!“ Sogar diejenigen, die berufsmäßig all das vertreten, was im Sinne einer rassistischen, faschistischen Politik steht und das grundlegende Verständnis von
Menschenrechten ins Absurde zieht – selbst die verleugnen ihre rassistischen Motive.
Rassismus ist nicht immer offen, ehrlich oder jedem bewusst. Er ist hinterhältig, giftig, zerstörerisch und zermürbend. Er beginnt mit: „Ich bin ja kein Rassist, aber.“, folgt diffusen Ängsten, die in Menschen geschürt werden und endet bei alten Bildern und Parolen, die neu aufgelegt werden. Und er endet laut, explosiv und tödlich.

Die Opfer von Rassismus kennen wir und gedenken ihnen. Wir denken an das Attentat von Hanau, an den Anschlag auf die Synagoge in Halle, an die vielen Todesopfer der NSU… Wir denken an die Opfer organisierter rechtsextremer Gewalt sowie an ihre Familien und Freunde.
Jeder Angriff auf einen Menschen – ist ein Angriff auf einen Menschen der Teil unserer Gemeinschaft ist, in der wir leben und die wir gestalten. Jede Gefährdung und Verunglimpfung von Menschen einer Gesellschaft als Gemeinschaft, ist eine Gefährdung aller – es betrifft jeden.

Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der es angesichts der aktuellen Entwicklungen nicht ausreichen darf, sich bei Veranstaltungen wie diesen gegen Rassismus und gegen rechts auszusprechen.

Eure deutsche Geschichte ist nicht nur eure Geschichte: ich bin ein Teil davon. Denn sie ist nicht vorbei, sie geht weiter und es ist an uns sie zu gestalten, nicht zu schweigen, nicht zu zusehen und kompromisslos zu sein.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit. *Das Eingangszitat ist im Übrigen von Nelson Mandela.

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